Fatigue ist eine Folgeerscheinung, die viele krebskranke Menschen betrifft. Die Diagnose Krebs ist an und für sich schon extrem belastend und erschöpft Betroffene und ihre Angehörigen.
Was ist der Unterschied zwischen einer Fatigue bei Krebs und beispielsweise Müdigkeit oder der psychisch herausfordernden Situation durch die Krebsdiagnose selbst?
Dr. Schmidt: Der Unterschied ist eben diese Erschöpfung, die sich mit Schlaf und Erholung nicht beheben lässt. Die Krebsdiagnose selbst, als lebensbedrohende Erfahrung verbunden mit vielen Ängsten und Sorgen, kann natürlich auch eine Ursache oder ein Faktor sein, der zur Fatigue beiträgt.
Da Fatigue keine einheitlich definierten Diagnosemöglichkeiten und -kriterien hat, ist die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen mit ähnlicher Symptomatik, wie beispielsweise einer Depression, oft schwierig. Grundsätzlich lässt sich jedoch sagen, wenn sich eine Patientin oder ein Patient durch die Müdigkeit und Erschöpfung extrem belastet und im Alltag eingeschränkt fühlt, und sich das nicht durch ausreichend Ruhe oder Schlaf in den Griff bekommen lässt, handelt es sich um Anzeichen für Fatigue. Spüren Betroffene also diese extreme Erschöpfung und Belastung, sollten sie das unbedingt bei ihrem Behandlungsteam ansprechen.
Ein großes Problem, das wir von vielen Betroffenen gehört haben, ist das unzureichende Wissen und fehlende Bewusstsein für die Häufigkeit des Auftretens einer Fatigue als Nebenerscheinung der Krebserkrankung.
Nach einer Befragung mit 2.500 Patientinnen und Patienten zur krebsbezogenen Erschöpfung riefen uns Teilnehmende an und sagten uns: „Ich wusste gar nicht, dass andere auch betroffen sind und darunter leiden, ich bin ja gar nicht alleine damit“. Viele Menschen berichten auch, dass es an Verständnis im Umfeld mangelt. Ihre Angehörigen können nicht nachvollziehen, wie es ihnen trotz abgeschlossener Therapie so schlecht gehen kann und reden ihre Beschwerden klein, weil sie den Unterschied zwischen einer einfachen Müdigkeit und Fatigue nicht kennen.
Als Angehöriger einer krebskranken Person oder als von Fatigue Betroffener ist es daher gut zu wissen, dass es sich um eine Folgeerscheinung der Krebstherapie handelt, mit der sie nicht alleine sind. Und vor allen Dingen ist es gut zu wissen, dass sie ihre Beschwerden ansprechen sollten, um Hilfe in Anspruch nehmen zu können.
Es ist sehr mutmachend zu wissen, dass es anderen auch so geht und man nicht alleine mit den Beschwerden ist und sich gar als zu empfindlich fühlt, nicht wahr?
Dr. Schmidt: Ja, das ist richtig. Man muss es ganz klar aussprechen: Es ist ein Symptom, das wirklich existiert, viele betrifft und gegen das man etwas tun kann und auch sollte. Das zu wissen hilft schon viel.